Mit zunehmenden Hitzewellen wächst in Deutschland die Belastung für Beschäftigte – sei es auf Baustellen unter der Mittagssonne, in stickigen Büros oder bei Lieferfahrten bei über 30 Grad. Der Klimawandel ist längst in Deutschland angekommen und hat spürbare Folgen für Berufstätige. Die Volkswirtin Katharina Utermöhl, die beim Versicherungskonzern Allianz im Bereich wirtschaftspolitische Forschung tätig ist, sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf bei deutschen Unternehmen.

Deutschland ist im internationalen Vergleich bisher nicht ausreichend auf extreme Hitze vorbereitet, sagt Utermöhl. Während südliche Länder Hitze seit Jahrzehnten in Stadtplanung, Bauweise und Arbeitsalltag einbeziehen, befindet sich Deutschland in einer "gefährlichen Mittelzone". Hitze sei längst ein dauerhaftes, strukturelles Phänomen, auf das reagiert werden müsse.

Milliarden-Hitzeschäden für die Wirtschaft

Derzeit existiert in Deutschland kein spezielles Hitzegesetz für Beschäftigte. Maßgebend ist die Arbeitsstättenverordnung, die vorsieht, dass Arbeitgeber ab 26 Grad Raumtemperatur Maßnahmen gegen Hitzebelastungen prüfen sollen. Ab 30 Grad sind Schutzmaßnahmen erforderlich. Bei Temperaturen über 35 Grad gilt ein Arbeitsraum grundsätzlich als ungeeignet.

Wie groß die wirtschaftlichen Folgen von Hitzewellen sein können, zeigen aktuelle Berechnungen von Allianz Trade. Der Kreditversicherer hat errechnet, dass wiederkehrende Hitzewellen die deutsche Wirtschaft bis 2030 rund 112 Milliarden Euro kosten könnten. Demnach sinkt die Produktivität pro zusätzlichem Grad Celsius über 30 Grad im Schnitt um etwa drei Prozent, während die Energiekosten unter anderem durch den höheren Kühlbedarf um rund 1,2 Prozent je Grad steigen würden.

Die Politikwerkstatt "Klima wandelt Arbeit" des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales kommt zu ähnlichen Ergebnissen. In dem Beteiligungsprojekt von Wissenschaft, Wirtschaft, Gewerkschaften und Praxis wird deutlich, dass klimabedingte Belastungen bereits heute spürbare gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen haben. Demnach steigen Krankschreibungen an Tagen mit über 30 Grad um rund 3,5 Prozent, bei längeren Hitzewellen um bis zu 6 Prozent, verbunden mit erheblichen Produktivitätsverlusten und gesamtwirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe.

"Siesta ist kein Mittagsschläfchen"

Als Reaktion auf die Hitzewellen werden verschiedene Strategien diskutiert. Als Vorbild nennt Utermöhl südeuropäische Länder wie Spanien oder Griechenland, wo Arbeitszeiten in heißen Sommermonaten traditionell angepasst werden. "Früh anfangen, die Mittagshitze meiden und den Arbeitstag entsprechend strukturieren - das ist eine sehr leicht umsetzbare Produktivitätsstrategie", sagt sie.

Die Siesta sei dabei "kein Mittagsschläfchen, sie ist Risikomanagement". Unternehmen, die Arbeitszeiten an hohe Temperaturen anpassten, schützten die Produktivität der Beschäftigten und nachhaltig ihren Marktwert. Für Deutschland bedeutet das vor allem, Arbeitszeitmodelle flexibler zu gestalten. Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin betont, dass ein ungünstiges Raumklima, auch beeinflusst durch Hitze, Wohlbefinden, Konzentration, Gesundheit und Sicherheit beeinträchtigen kann.

Neben der Temperatur spielen aber Faktoren wie Arbeitsschwere, Bekleidung, Akklimatisation und individuelle Verfassung eine Rolle. Empfohlen wird ein Maßnahmen-Mix aus Technik, Organisation und persönlichem Verhalten. Arbeitszeiten sollten, wenn technologisch oder betriebsbedingt möglich, angepasst werden, "hierzu zählt auch die Nutzung von Gleitzeitregelungen zur Arbeitszeitverlagerung", rät die Behörde.

Gewerkschaften sehen Arbeitgeber in der Pflicht

Deutlich zurückhaltender reagieren Gewerkschaften auf pauschale Modelle wie eine Art Siesta-Regelung. Es brauche branchenspezifische Lösungen, betont Anja Piel, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Arbeitszeitverlagerungen in kühlere Stunden könnten helfen, seien aber nicht überall praktikabel.

Der DGB betont daher die Verantwortung der Arbeitgeber für Hitzeschutz am Arbeitsplatz. "Wer das ignoriert, gefährdet die Gesundheit seiner Beschäftigten", sagt Piel. Die Debatte über die Reform des Arbeitszeitgesetzes verschärft den Konflikt zusätzlich. Geplant ist, den bisherigen Acht-Stunden-Tag stärker durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ersetzen.

Gewerkschaften warnen, dass dadurch Schutzstandards aufgeweicht werden könnten und fürchten das Ende des geregelten Acht-Stunden-Tags. "Es ist unredlich, dass das Thema Hitzeschutz jetzt von Arbeitgebern missbraucht wird, um eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes durchzudrücken. Aufweichungen dienen einzig und allein Arbeitgeberinteressen, nicht aber dem Wohl der Beschäftigten", sagt Piel.

Gebäudeumbau nötig: Mehr Schatten und Grünflächen

Neben kurzfristigen Arbeitszeitmodellen hält Volkswirtin Utermöhl auch langfristige bauliche Maßnahmen für nötig. Viele europäische Gebäude seien historisch auf Wärmespeicherung ausgelegt und verstärkten damit die Hitzebelastung.

Helle Fassaden und Dächer, Verschattung sowie begrünte Flächen könnten die Aufheizung deutlich reduzieren.

Solche Maßnahmen seien jedoch nur langfristig umsetzbar. "Es ist ja im Sinne der deutschen Wirtschaft. Länder, die das schneller umsetzen, sind in Zukunft wirtschaftlich im Vorteil. Wer heute nicht investiert, der zahlt morgen drauf."