Im Ringen um neue Sparpläne bei VW rechnen Experten mit deutlich weniger harten Einschnitten als zuletzt berichtet. «Nach meiner Einschätzung wird es keine Werkschließung - allerhöchsten Neckarsulm - geben», sagte Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer der Deutschen Presse-Agentur mit Blick auf das Werk der VW-Tochter Audi in Neckarsulm. Volkswagen müsse in vernünftige Gespräche mit der IG Metall eintreten. «Dazu braucht es einen Moderator», so Dudenhöffer. Und schlägt den SPD-Ministerpräsidenten von Niedersachsen vor: «Am besten wäre Olaf Lies.»
Medien hatten zuletzt von bis zu vier Werken berichtet (Hannover, Emden, Zwickau, Neckarsulm), die bis 2034 schließen könnten - und von bis zu 120.000 Jobs, die weltweit wegfallen könnten. Das wären mehr als doppelt so viele wie die bisher geplanten 50.000 Stellen, die bis 2030 in Deutschland abgebaut werden sollen.
Experte rechnet mit geringerem Stellenabbau
Dass wirklich noch einmal so viele hinzukommen, glaubt Branchenexperte Frank Schwope von der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Berlin nicht. Er gehe davon aus, dass man sich in den noch anstehenden Gesprächen am Ende auf eine niedrigere Zahl verständigen werde.
«Ich denke, dass man sich irgendwo auf 30.000 bis 40.000 einigen wird», sagte Schwope. Und zwar weltweit, nicht nur in Deutschland. Zusätzlich abmildern lasse sich das durch Maßnahmen wie eine Vier-Tage-Woche, mit der VW bereits Anfang der 1990er-Jahre Massenentlassungen vermieden hatte.
Warnung vor Dominoeffekten
Experte Stefan Bratzel warnt jedoch vor deutlich größeren Auswirkungen für die gesamte Volkswirtschaft. «Wenn Volkswagen strauchelt, hat das Dominoeffekte für breite Teile der Wirtschaft», sagte der Direktor des Center of Automotive Management (CAM). «Im Falle des Schließens von Werken vervielfachen sich in einer Kettenreaktion die betroffenen Arbeitsplätze.» Die Gefahr einer «Detroitisierung» sei nicht unrealistisch, so Bratzel in Anspielung auf die kriselnde US-Autometropole Detroit. Zuvor hatte die «Bild»-Zeitung darüber berichtet.
Mehr als 200.000 Stellen in Gefahr?
«Wir gehen davon aus, dass im Falle des Wegfalls von weiteren 50.000 Stellen mindestens dreimal bis fünfmal mehr Arbeitsplätze im Umfeld von Zulieferern über Logistikunternehmen bis hin zu Hotels und Bäckereien betroffen sind», sagte Bratzel. Dem Bericht zufolge könnten dann mehr als 200.000 Stellen wegfallen - zusätzlich zu den Stellen beim Autobauer selbst.
Laut «Süddeutscher Zeitung» war VW-Konzernchef Oliver Blume am vergangenen Donnerstag mit seinem Sparpaket im Aufsichtsrat gescheitert. Am Montag nannte Blume im VW-Intranet des Konzerns erstmals eine konkrete Zahl: Ohne Veränderung der Arbeitskosten würde sich demnach als «theoretische Ableitung» eine Größenordnung von rund 50.000 Stellen weltweit ergeben, die gestrichen werden müssten - zusätzlich zu den 50.000, die bis 2030 bereits abgebaut werden sollen.
Zudem bestätigte Blume, «dass wir heute für die Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm in den 30er-Jahren noch keine wettbewerbsgerechte Belegung bestätigen können». Mit Blick auf mögliche Standortschließungen sagte er aber: «Intelligente Lösungen sind immer besser, als ein Werk zu schließen.» Alternative Lösungen würden geprüft, so sei Volkswagen für den Standort Osnabrück mit Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie im Gespräch. «Uns ist es wichtig, Beschäftigung zu sichern.»