Lummerland kann einpacken. Während Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer auf einer fiktiven Insel mit zwei Bergen leben, gibt es in Deutschland eine echte Mini-Insel, die noch spektakulärer ist: Der Wilhelmstein im Steinhuder Meer misst gerade einmal 12.500 Quadratmeter und wird von exakt vier Menschen bewohnt. Damit gilt die künstliche Festungsinsel als Deutschlands kleinste bewohnte Insel – ein Titel, der Besucher aus ganz Deutschland anzieht. Was macht diese winzige Insel so besonders?
Mitten in Niedersachsens größtem Binnensee erhebt sich eine imposante Festungsanlage aus dem 18. Jahrhundert, die Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe einst als uneinnehmbare Verteidigungsbastion errichten ließ. Heute können Gäste auf dem Wilhelmstein heiraten, übernachten, in einem Museum die Geschichte erkunden und sogar ein historisches U-Boot-Modell bestaunen – den legendären "Steinhuder Hecht", der als eines der ersten U-Boote der Welt gilt.
Lummerland kann einpacken: Der Wilhelmstein ist Deutschlands kleinste bewohnte Insel
Genau vier Menschen nennen sie ihr Zuhause. Mitten im niedersächsischen Steinhuder Meer und ungefähr 30 Kilometer nordwestlich der Landeshauptstadt Hannover liegt Deutschlands kleinste bewohnte Insel – der Wilhelmstein. Auf rund 12.500 Quadratmetern erhebt sich eine imposante Festungsanlage aus dem Wasser, die heute ein beliebtes Ausflugsziel ist. Von April bis Oktober strömen Touristen auf das künstliche Eiland, um Geschichte zu erleben, zu heiraten oder einfach die einzigartige Atmosphäre zu genießen.
Bereits die Anreise zur Insel wird zum Erlebnis. Mit den historischen "Auswanderern" – hölzernen Jollen mit Motor und einziehbaren Segeln für bis zu 30 Personen – setzen Besucher von Steinhude oder Mardorf aus über.
Rund 20 bis 30 Minuten dauert die Fahrt über Niedersachsens größten Binnensee. Der Alltag bleibt am Ufer zurück. Das Wasser glitzert, die Festung rückt näher. Eine Hin- und Rückfahrt mit den historischen "Auswanderern" (offene Holzboote) kostet für Erwachsene zehn Euro, für Kinder zwischen vier und 13 Jahren sechs Euro – diese Preise gelten ab mindestens 15 Erwachsenen.
Ein Ausflug ins 18. Jahrhundert – mitten in Niedersachsen
Wer die Insel betritt, taucht in eine andere Welt ein. Das Museum in der Zitadelle der Festung zeigt persönliche Gegenstände und Bilder von Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe sowie von Gerhard von Scharnhorst, einem der berühmtesten Absolventen der hier einst ansässigen Militärschule. Besucher können Material aus der Kriegsschule bewundern, Waffen bestaunen sowie Kanonen und Mörser aus nächster Nähe betrachten. Der Eintritt ins Museum beträgt gemäß der Stadt Hannover für Erwachsene fünf Euro, für Kinder zwischen vier und 13 Jahren zwei Euro. Kleinere Kinder haben freien Eintritt.
Ein absolutes Highlight bietet der Aussichtsturm der Festung. Von hier aus eröffnet sich ein 360-Grad-Panoramablick über das gesamte Steinhuder Meer und die umliegende Landschaft.
Seit 2009 kann zudem der Hydrocopter der Freiwilligen Feuerwehr Steinhude besichtigt werden – ein historisches Rettungsboot, das lange Zeit für Eisrettungen auf dem See im Einsatz war und nun seinen letzten Platz auf der Insel gefunden hat.
Von Hochzeiten bis Übernachtungen – das Inselerlebnis
Was Besucher auf dem Wilhelmstein erleben können:
- Museum mit historischen Exponaten zur Festungsgeschichte
- 360-Grad-Aussichtsturm mit Panoramablick
- Historischer Hydrocopter der Feuerwehr
- Kleiner Strand zum Verweilen
- Inselkiosk mit Snacks, Kuchen und Kaffeespezialitäten
- Restaurant mit warmer Küche und Terrassen
- Führungen durch die Festungsanlage
- Trauungen im historischen Standesamt
Romantik pur verspricht eine Hochzeit auf der Insel. Seit 1900 dürfen hier Paare den Bund fürs Leben schließen. Das Trauzimmer in der Festung bietet Platz für bis zu 20 Personen und steht jeden dritten Samstag im Monat um 10.30, 11.30 und 12.30 Uhr sowie montags bis mittwochs um 14.00 Uhr für Eheschließungen zur Verfügung. Wer es noch außergewöhnlicher mag, kann sich auch unter freiem Himmel mit Blick aufs Meer trauen lassen. Ein Komplettpreis von 999 Euro macht dem Inselresort Wilhelmstein zufolge die Traumhochzeit auf der Insel möglich.
Übernachten wie auf einer eigenen Insel – das Inselresort Wilhelmstein macht es möglich. Das maritime Inselhotel bietet Zimmer mit Seeblick, ein hauseigenes Restaurant, eine Gemeinschaftslounge, einen Garten und mehrere Terrassen. Gäste genießen ein kontinentales Frühstück und können die absolute Stille des Steinhuder Meeres erleben. Denn nach Sonnenuntergang kehrt vollkommene Ruhe ein: Aus Umwelt- und Naturschutzgründen besteht auf dem See absolutes Nachtfahrverbot, das streng kontrolliert wird. Ungebetene nächtliche Besucher kommen nicht auf die Insel.
Eine Festung voller Geschichte und Innovationen
Doch wie entstand diese außergewöhnliche Insel mitten im See? Die Geschichte beginnt im Jahr 1761. Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe fürchtet um sein nur 340 Quadratkilometer großes Reich. An einem denkwürdigen Tag rudert er persönlich hinaus auf das Steinhuder Meer und wirft eigenhändig einen Fels ins Wasser – der symbolische Grundstein für den Wilhelmstein ist gelegt. Seine Vision: eine uneinnehmbare Festung, die als Fluchtpunkt dienen und die Grafschaft vor feindlichen Angriffen schützen sollte.
Vier Jahre lang schaffen die Getreuen des Grafen Steine und Baumaterial heran. Von 1761 bis 1765 rudern täglich Mannschaften hinaus, beladen mit bis zu 1800 Litern Gestein an Bord. Bei Wind und Wetter entsteht so das Fundament der künstlichen Insel. Der eigentliche Bau der Festung dauert weitere zwei Jahre. 1767 steht die beeindruckende Anlage auf einer Hauptinsel, umgeben von 16 künstlichen Eilanden, die später zu einem Ganzen vereint werden.
250 Mann und 50 Kanonen verteidigen fortan die militärische Anlage. Graf Wilhelm richtet auf der Festung eine Kadettenschule ein, die später große Bedeutung erlangen sollte. Zu den berühmtesten Schülern der Militärakademie zählt Gerhard von Scharnhorst, der ab 1773 auf dem Wilhelmstein ausgebildet wurde und später als preußischer Heeresreformer in die Geschichte einging. Tatsächlich wurde die Festung während ihrer aktiven Zeit nur einmal belagert – und zwar erfolglos.
Der "Steinhuder Hecht" – Deutschlands erstes U-Boot?
Der Graf war jedoch nicht nur Militärstratege, sondern auch leidenschaftlicher Erfinder. Auf der Festung begann er zu tüfteln und zu experimentieren. Er entwickelte Kanonenkugeln mit brennbarer Flüssigkeit und Widerhaken, konstruierte einen Dolch mit Schussfunktion und ein Boot, das sich in vier Teile zerlegen ließ. Zusammen mit dem Ingenieur Jakob Chrysostomus Praetorius baute er sogar ein Amphibienfahrzeug, das sich sowohl an Land als auch zu Wasser fortbewegen konnte.
Sein berühmtestes und ehrgeizigstes Projekt trägt den Namen "Steinhuder Hecht". Laut verschiedenen Quellen gilt er als erstes in Deutschland konstruiertes U-Boot und möglicherweise sogar als eines der ersten U-Boote der Welt. Die Idee entsteht bereits 1760, der Entwurf wird 1762 erstellt, und 1771 beginnt der Bau eines Modells. Das U-Boot sollte gut 30 Meter lang sein und innen knapp zwei Meter hoch. Ein Modell soll mit acht Mann an Bord zwölf Minuten lang getaucht sein. Viele Aufzeichnungen sind heute verloren, und es ist umstritten, ob ein vollständiges, funktionsfähiges Boot jemals gebaut wurde. Die Quellenlage bleibt unsicher – und das Steinhuder Meer mit seiner geringen Tiefe wäre für ausgedehnte Tauchgänge ohnehin kaum geeignet gewesen.
Am 10. September 1777, stirbt Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe. Seine Festung aber steht noch immer im 32 Quadratkilometer großen Steinhuder Meer, das von 420 Quadratkilometern Naturpark umgeben ist. 1867 wird die Anlage als militärische Station für Soldaten aufgegeben. Im 19. Jahrhundert diente der Wilhelmstein zeitweise als schaumburg-lippisches Staatsgefängnis – eine düstere, als ausbruchssicher geltende Gefängnisinsel. Später fand die Festung ihre heutige Bestimmung als Touristenattraktion und romantisches Refugium.
Ausflugssaison von März bis Oktober
Heute kümmert sich ein Verwalter im Auftrag des Fürstenhauses Schaumburg-Lippe um die Inselfestung. Die Saison läuft dem Deutschlandfunk zufolge von Mitte März bis Mitte Oktober. In dieser Zeit präsentiert sich der Wilhelmstein, der administrativ der Stadt Wunstorf zugeordnet ist, den vielen Besuchern bestens herausgeputzt. Mitarbeiter pflegen Wege und Grünanlagen, reparieren bei Bedarf und sorgen dafür, dass die kleinste bewohnte Insel Deutschlands ihren ganz besonderen Charme behält – ein Stück Geschichte mitten im Wasser, das Lummerland locker in den Schatten stellt.
Weitere Informationen zum Wilhelmstein
- Öffnungszeiten:
- 20. März bis 31. Oktober: täglich von 10.30 Uhr bis 17.00 Uhr
- Änderungen in der Vor- und Nachsaison (März, April und Oktober) sind möglich
- In den Wintermonaten (November bis März) ist die Insel geschlossen
- Eintrittspreise Museum/Festung:
- Erwachsene: fünf Euro
- Kinder (vier bis 13 Jahre): zwei Euro
- Kinder unter vier Jahren: kostenfrei
- Gruppen ab zehn Personen: vier Euro pro Person / 1,50 Euro pro Kind
- Hunde sind auf der Insel herzlich willkommen, dürfen aber nicht in die Festung
- Preise für die Bootsüberfahrt:
- Mit den Auswanderern (Hin- und Rückfahrt, ab mindestens 15 Erwachsenen): Erwachsene zehn Euro, Kinder (vier bis 13 Jahre) sechs Euro
- Mit dem Fahrgastschiff (inklusive eine Stunde Aufenthalt, Hin- und Rückfahrt): Preise auf Anfrage bei der Steinhuder Personenschifffahrt
- Adresse: Insel Wilhelmstein, 31515 Wunstorf OT Steinhude
- Lage, Anfahrt und Parken:
- Die Insel Wilhelmstein liegt mitten im Steinhuder Meer, Niedersachsens größtem Binnensee
- Anfahrt per Auto nach Steinhude: Bootsanleger Strandterrassen, Meerstraße 2 in Steinhude
- Anfahrt per Auto nach Mardorf: Bootsanleger Jugendherberge/Pilz, Warteweg in Mardorf
- In beiden Ortschaften stehen ausgewiesene Parkmöglichkeiten zur Verfügung
- Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Bahnhof Wunstorf, von dort mit dem Bus nach Steinhude
- Die Überfahrt zur Insel erfolgt ausschließlich per Boot (circa 25 bis 30 Minuten Fahrtzeit)
- Kontakt Insel Wilhelmstein/Museum:
- Telefon: 05033/95010
- E-Mail: info@wilhelmstein.de
- Kontakt Steinhuder Personenschifffahrt:
- Kontakt Inselresort (Hotel & Restaurant):
- Telefon: 05033/911711
- E-Mail: anfrage@inselresort-wilhelmstein.de
- Abweichende Kontaktadresse: Ottenlock 8, 31515 Steinhude
- Offizielle Website Insel Wilhelmstein
- Website Inselresort Wilhelmstein
- Website Steinhuder Personenschifffahrt