Seit Tagen wird vor der heiklen Lawinen-Situation in den Alpen gewarnt - und dennoch brechen nicht wenige zu einer Skitour auf. Bergretter Gerhard Kremser ist daher ratlos und verzweifelt. "Ich weiß nicht, was da in den Köpfen passiert", sagt er der Deutschen Presse-Agentur zum Verhalten der Wintersportler. Für acht Menschen endete am Wochenende ihre Skitour in den österreichischen Alpen tödlich. Sie wurden von Schneebrett-Lawinen begraben und sind wohl binnen kürzester Zeit unter den Schneemassen erstickt.

Es war das in dieser Saison bisher tödlichste Lawinen-Wochenende in den Alpen. Die drei Schneebretter gingen in den Bundesländern Salzburg und Steiermark nieder. Schon am Freitag war ein Deutscher bei einer Skitour am Piz Badus in der Schweiz durch eine Lawine ums Leben gekommen. 

Tödlichstes Lawinen-Wochenende in den Alpen: Tourenführer unter den Opfern

Vom folgenschwersten Unglück war sogar eine Kursgruppe des Alpenvereins betroffen. Der Kurs habe im Rahmen eines regulären Winterausbildungsprogramms des Österreichischen Alpenvereins stattgefunden, teilt die Organisation mit. "Es war ein mehrtägiger Kurs für Tourenführer, der von einer Bergführerin geleitet wurde. Alles sehr erfahrene Leute", sagt der Sprecher des Alpenvereins, Gerald Zagler, der dpa. Bei dem Unglück im Großarltal im Bundesland Salzburg waren von den sieben Kursteilnehmern vier getötet worden - drei Männer im Alter von 53, 63 und 65 Jahren sowie eine 60-jährige Frau.

Die Schneebrett-Lawinen des Wochenendes sind nicht vergleichbar mit den Staub-Lawinen, die über eine lange Strecke ins Tal donnern. Oft gerät nur eine überschaubare Fläche von der Größe eines Fußballplatzes oder weniger ins Rutschen.

"Es sind nur wenige Meter zwischen Leben und Tod", sagt Kremser mit Blick auf den jeweiligen Standort der Skifahrer im Augenblick des Unglücks. Jedenfalls reichten auch kleinere Schneemassen aus, Menschen zu verschütten. Ohne Atemhöhle drohe binnen weniger Minuten der Tod durch Ersticken. 

Lawinenwarnstufen: Was bedeuten sie?

Die aktuell verbreitet geltende Lawinenwarnstufe 3 sei besonders tückisch, sagt Kremser weiter. Sie erwecke offenkundig den Eindruck, dass die besonders gefährlichen Stufen vier und fünf noch nicht erreicht seien. Aber von jeder Stufe steige die Gefahr um das Doppelte. "Drei ist doppelt so gefährlich wie zwei." Die Warnstufen vier und fünf ließen viele Tourengeher ohnehin zögern, so der Bergretter. 

Die Schneedecke sei sehr instabil. Der Altschnee sei gefroren - und auf diese Schicht seien vor rund einer Woche 30 bis 40 Zentimeter Neuschnee gefallen, sagt Kremser. Beide Schichten hätten praktisch keine Verbindung. Durch den starken Wind habe sich auch viel Triebschnee angesammelt. "Die Schneeunterlage ist diesmal ganz schlecht." 

Laut Lawinen.report würden die Warnstufen 2 und 3 für "etwa 30 % des Winters prognostiziert" werden und für "rund 50 % aller Todesopfer" verantwortlich sein. Hier die Warnstufen der europäischen Gefahrenstufenskala des Lawinen-Warndienstes Bayern im Überblick:

  • Stufe 1: Geringe Lawinengefahr - Auslösung mittelgroßer Lawinen bei großer Zusatzbelastung & im extremen Steilgelände; (...) kleinere spontane Lawinen vereinzelt möglich
  • Stufe 2: Mäßige Lawinengefahr - Auslösung kleiner und mittelgroßer Lawinen insbesondere mit großer (...) Zusatzbelastung möglich
  • Stufe 3: Erhebliche Lawinengefahr - Auslösung großer Lawinen sowohl spontan wie auch bei geringer Zusatzbelastung möglich
  • Stufe 4: Große Lawinengefahr - Auslösungen großer und sehr großer Lawinen spontan wie auch bei geringer Zusatzbelastung wahrscheinlich
  • Stufe 5: Sehr große Lawinengefahr - Selbstauslösung vieler sehr großer und extrem großer Lawinen zu erwarten, auch Tallagen gefährdet

Opfer für den Lawinen-Fall bestens ausgerüstet

Das Gewicht eines einzelnen Skifahrers kann ausreichen, ein Schneebrett auszulösen. "Lawinengefährdete Gebiete befinden sich in allen Ausrichtungen oberhalb von etwa 2.000 m. Diese Gebiete sind zahlreich", heißt es auf der Webseite des Lawinen-Warndienstes. "Sie sind mit Neuschnee bedeckt und daher selbst für das geübte Auge kaum erkennbar."

Die Opfer seien für den Lawinen-Notfall eigentlich bestens ausgerüstet gewesen, sagte Kremser. Zu einer solchen Ausrüstung gehören elektronische Geräte, die das Finden von Verschütteten erleichtern sollen. "Es hat nichts genützt."

Präventive Schutzmaßnahmen: Lawinenbericht und Skitourenguru

Was können Wintersportler und Bergfans also tun? Zur optimalen Vorbereitung empfiehlt sich laut dem Bayerischen Rundfunk (BR) der amtliche Lawinenbericht. Dieser wird täglich um 17 Uhr veröffentlicht und gibt eine Prognose für den kommenden Tag ab. Die erwartete Lawinengefahr wird darin ausgewiesen.

Der Bericht steht länderübergreifend online zur Verfügung und kann auch unterwegs abgerufen werden. Christoph Mitterer vom Lawinenwarndienst Tirol, spricht von "Quantensprüngen", die die Kollegen und Kolleginnen "von der Meteorologie (...)  in den letzten Jahren gemacht" hätten, was die Prognose mithilfe von Computermodellen angeht.

Eine weitere Möglichkeit sei ein Online-Tool, das Christoph Mitterer gegenüber dem BR als "komplementäres Tool zum Lawinenbericht" beschreibt. Das Besondere: Das Lawinenrisiko wird für die jeweilige Route und die jeweiligen Einzelhänge berechnet. Die Webseite heißt "Skitourenguru.com" und die Nutzung ist kostenlos. Man könne dort eine Wunschtour einzeichnen oder sich Touren vorschlagen lassen.

Die Gefahren-Einordnung bei dem Tool funktioniert wie bei einer Ampel: Eine grüne Farbe signalisiert ein geringes Lawinenrisiko. Gelb bedeutet dementsprechend ein erhöhtes und rot ein hohes Lawinenrisiko.