Stell dir einen Ort vor, an dem die Temperatur auf minus 45,9 Grad fällt – kälter als in vielen bewohnten Regionen Sibiriens. Dieser Ort liegt nicht in der Arktis, sondern mitten in Bayern: Der Funtensee in den Berchtesgadener Alpen hält seit dem 24. Dezember 2001 den Rekord für die tiefste jemals in Deutschland gemessene Temperatur.
Eingebettet auf 1.633 Metern Höhe im Nationalpark Berchtesgaden, verwandelt eine einzigartige geologische Konstellation den malerischen Bergsee im Winter in eine natürliche Kältefalle – ein meteorologisches Phänomen, das selbst Experten des Deutschen Wetterdienstes fasziniert.
Funtensee: Der kälteste See Deutschlands – Rekord, Wanderung & Rätsel
Der Funtensee in den Berchtesgadener Alpen ist Deutschlands extremster Bergsee. An Heiligabend 2001 wurde hier mit minus 45,9 Grad Celsius die tiefste jemals in Deutschland gemessene Temperatur registriert – ein Rekord, der bis heute (Stand April 2026) ungebrochen ist. Eingebettet auf 1.633 Metern Höhe im Nationalpark Berchtesgaden, sorgt die besondere geologische Lage dafür, dass sich Kaltluftmassen wie in einer natürlichen Mulde sammeln. Doch der Funtensee fasziniert nicht nur mit eisiger Kälte: Eine rätselhafte doppelte Baumgrenze gibt Forschern bis heute Rätsel auf, und im Sommer verwandelt sich der "Kältepol" in ein beliebtes Wanderziel mit kristallklarem Badewasser.
Kalt, kälter – Funtensee. Der idyllische Bergsee vis-à-vis vom Watzmann in den Berchtesgadener Alpen hält einen beeindruckenden Rekord: An Heiligabend 2001 maß eine private Wetterstation am Funtensee minus 45,9 Grad – die tiefste jemals in Deutschland gemessene Temperatur. Die Station des Deutschen Wetterdienstes (DWD) auf der anderen Seite des 270 Meter langen und 130 Meter breiten Gewässers registrierte damals "nur" minus 44,0 Grad.
"Es reicht, dass eine Station zwei, drei Meter höher liegt oder näher an der Senke ist", erklärt DWD-Experte Tobias Reinartz die minimale Abweichung. Schon kleinste Faktoren könnten bei solch extremen Verhältnissen einen enormen Einfluss haben. Der DWD selbst hatte ein Jahr zuvor, am 25. Januar 2000, mit minus 45,8 Grad einen nur minimal abweichenden Tiefstwert gemessen. Auch in den 2020er Jahren werden am Funtensee regelmäßig Temperaturen unter minus 30 Grad registriert – der See bleibt Deutschlands Kältepol.
Die perfekte Kältefalle: Drei Faktoren für extreme Temperaturen
Der auf gut 1.600 Metern Höhe liegende See ist regelrecht eingekesselt – die Berge um ihn herum sind zum Teil über 2.000 Meter hoch. Hinzu kommt eine geologische Besonderheit: Der See versickert in dem Karstgelände unterirdisch, statt oberirdisch abzufließen. Daher ist er rundherum von einer Schwelle umgeben, die an ihrer tiefsten Stelle etwa 100 Meter höher liegt als der Wasserspiegel – wie ein Rest Suppe in einem Suppenteller. Der dritte Faktor ist die massive Abschattung durch einen südlich gelegenen Berg. "Da scheint die Sonne schon mal herein, aber im Winter nur wenige Stunden am Tag", schildert Josef Egger, Ranger im Nationalpark Berchtesgaden.
"Schnee, windschwach, wolkenlos – das sind die drei Hauptfaktoren, die da sein müssen, damit es extrem kalt werden kann an diesem Ort", zählt Meteorologe Reinartz auf. Das entstehende Phänomen fasst Ranger Egger zusammen: "Im Tal würde man sagen, es ist eine Inversionswetterlage – die kalte Luft wird unten festgehalten und kann nicht mehr weg, solange nicht ein Wind kommt."
Der Mechanismus im Detail: "In der Nacht fließt die kalte Luft, die sich über den Bergen abgekühlt hat, die Berge hinunter zum See und sammelt sich dann dort in der Mulde", erklärt Reinartz. Das alleine reicht aber nicht. "Es muss wolkenlos sein, damit der Boden ausstrahlen kann, damit die Wärme letztlich ins Weltall abhauen kann. Und es muss windstill sein, damit sich die kalte Luft am See sammeln kann und nicht durch den Wind verfrachtet wird." Liegt dann noch Schnee auf dem gefrorenen See, fehlt zudem die Bodenwärme. "Das heißt, die Luft, die über dem Schnee liegt, kann von unten nicht mehr erwärmt werden."
Das ungelöste Rätsel: Die doppelte Baumgrenze
Am Funtensee sticht eine ungewöhnliche Vegetation ins Auge, die Wissenschaftler seit Jahrzehnten beschäftigt. Normalerweise wird der Bewuchs in den Bergen nach oben hin immer niedriger und geht von Wald in Krummholz, Zwergsträucher und letztlich Gräser über. Am Funtensee jedoch wachsen direkt am See keine Bäume – erst etwas weiter oben kommen niedriger Bewuchs und dann auch wieder Bäume hinzu. Diese "umgekehrte Baumgrenze" ist in den Alpen äußerst selten.
Der Grund dafür ist bis heute umstritten. Viele Experten machen die extreme Kälte verantwortlich, die den Pflanzen das Überleben unmöglich macht. In wissenschaftlichen Arbeiten wird hingegen der starke menschliche Einfluss hervorgehoben: Mehr als 350 Jahre lang, bis ins Jahr 1964, trieben die Bauern ihr Vieh hinauf zu den Almen am Funtensee. Dort sollen die Menschen die bestehenden Bäume gefällt und die Tiere die Jungpflanzen verbissen haben.
Ranger Egger empfindet es als zumindest auffällig, dass es in dem Kessel keinen Wald gibt, jedoch ungefähr hundert Meter höher, wo die Kaltluft abfließen kann, noch einmal ein Baumkranz aus Lärche und Zirbe steht. Seine persönliche Meinung: "Ich bin schon der Überzeugung, dass nicht die Bauern dort den Wald gerodet haben, sondern dass die die Alm dort gemacht haben, weil in dem Kaltluftsee kein Wald war." Allerdings ergänzt Egger pragmatisch: "Vermutlich kann man das nicht mehr richtig nachweisen."
Funtensee vs. Wolnzach: Welcher Ort ist offiziell der kälteste?
Auch wenn am Funtensee die tiefste in Deutschland gemessene Temperatur registriert wurde – als kältesten Ort führt ihn der Deutsche Wetterdienst dennoch nicht offiziell. "Dadurch, dass es so eine exponierte Lage ist, die null repräsentativ ist für Deutschland an sich, taucht dieser Wert in keiner offiziellen Auswertung vom DWD auf", erklärt Reinartz. Die extreme Sonderlage macht den Funtensee zu einem meteorologischen Ausnahmefall.
Es könnten sogar noch kältere Orte in Deutschland existieren. "Es gibt ganz viele Höhentäler und Senken in den Alpen, wo es Ähnlichkeiten gibt", schildert Reinartz. Manche davon lägen noch höher. "Aber am Funtensee steht halt eine Messstation."
Offizieller Rekordhalter ist stattdessen Wolnzach-Hüll in Oberbayern. Dort wurde es am 12. Februar 1929 minus 37,8 Grad kalt – im legendären Kältewinter 1928/29. Selbst für Meteorologe Reinartz ist das etwas Besonderes: "Es kommt schon alle paar Jahre mal vor, dass es extrem kalt wird, Temperaturen unter minus 20 Grad hatten wir in den letzten Jahren schon auch hin und wieder. Aber unter minus 30 ist schon sehr, sehr, sehr selten!"
Steinernes Meer: Heimat des Funtensees im Herzen der Berchtesgadener Alpen
Der Funtensee liegt eingebettet im Steinernen Meer, einem der beeindruckendsten Hochplateaus der Berchtesgadener Alpen. Das Gebiet gehört zum Landkreis Berchtesgadener Land in Bayern, direkt an der Grenze zu Österreich. Auf einer Höhe von 1.633 Metern ist der See von mächtigen Gipfeln wie dem Viehkogel (2.158 Meter) und dem Funtenseetauern (2.578 Meter) umgeben. Die Region gehört zur Gemeinde Schönau am Königssee und ist Teil des Nationalparks Berchtesgaden – dem einzigen Alpen-Nationalpark Deutschlands.
Die Erreichbarkeit des Funtensees ist ein echtes Abenteuer: Ausgangspunkt ist meist der Königssee, den Besucher von Berchtesgaden aus über die Bundesstraße B20 erreichen können. Von der Anlegestelle in Schönau fahren Elektroboote nach St. Bartholomä, wo der Wanderweg durch die berüchtigte "Saugasse" beginnt. Diese steile Passage mit 36 Kehren überwindet einen Höhenunterschied von 400 Metern. Alternativ kann man den Funtensee über den Sagereckersteig oder das Wimbachgries erreichen. Diese Routen sind anspruchsvoll und erfordern gute Kondition, belohnen aber mit spektakulären Ausblicken.
Aus touristischer Sicht ist die Region von großer Bedeutung. Berchtesgaden bietet neben dem Königssee und der Wallfahrtskirche St. Bartholomä zahlreiche weitere Highlights, die Besucher aus aller Welt anziehen. Der Nationalpark Berchtesgaden zieht jedes Jahr Millionen von Besuchern an, die die unberührte Natur, die klaren Bergseen und die beeindruckenden Gipfel genießen. Der Funtensee selbst ist ein beliebtes Ziel für Wanderer und Bergsteiger, die die einzigartige Landschaft und die extremen klimatischen Bedingungen erleben möchten. Mit Attraktionen wie dem Kärlingerhaus und der Nähe zum Königssee bietet die Region sowohl Abenteuer als auch Erholung.
Geologische Geheimnisse der Berchtesgadener Alpen
Die Berchtesgadener Alpen sind ein Paradies für Geologen und Naturliebhaber, geprägt von einer faszinierenden Vielfalt an Gesteinsformationen. Der Ramsau Dolomit und der Dachsteinkalk, die beiden dominierenden Gesteinsarten, erzählen Geschichten von einem urzeitlichen Meer, das vor Millionen Jahren existierte. Diese Schichtung bildet die Gipfelregionen und Hochplateaus der Region, die heute von Wanderern und Naturliebhabern erkundet werden.
Besonders beeindruckend ist das Steinerne Meer, ein ausgedehntes Hochplateau, das sich wie eine steinerne Landschaft zwischen den mächtigen Bergmassiven erstreckt. Die Vergletscherung der Berchtesgadener Alpen zeigt sich in ihrer ganzen Vielfalt – Gletscher wie das Blaueis oder die Übergossene Alm sind lebendige Zeugen der globalen Erwärmung und ihrer Auswirkungen. Neben dem Funtensee beherbergt die Region auch den höchsten Wasserfall Deutschlands: Der Röthbachfall im Berchtesgadener Land stürzt spektakulär 470 Meter in die Tiefe.
Für Besucher bietet die Region zahlreiche Möglichkeiten, die geologischen Besonderheiten zu erkunden. Die unterschiedlichen Gesteinsschichten lassen sich besonders im Wimbachtal erleben, wo die Jahrmillionen alte Geschichte der Alpen sichtbar wird. Die Berchtesgadener Alpen sind ein lebendiges Zeugnis der Naturkräfte, die diese beeindruckende Landschaft geformt haben.
Flora und Fauna: Ein verborgenes Ökosystem rund um den Funtensee
Die Natur rund um den Funtensee überrascht mit einer besonderen Vielfalt, die sich den extremen Bedingungen angepasst hat. Während die alpine Flora mit Krummholz und Zwergsträuchern die Landschaft prägt, gibt es in höheren Lagen auch Lärchen und Zirben, die sich an den steilen Hängen festklammern. Am Funtensee zeigt sich eine ungewöhnliche Vegetationsgrenze, die durch die extreme Kälte geprägt ist – direkt am Seeufer gibt es praktisch keine Vegetation mehr.
Die Tierwelt ist ebenso beeindruckend. Steinböcke, Murmeltiere und Gämsen sind hier häufig anzutreffen und bereichern das Landschaftsbild. Die Tiere sind besonders entlang der Wanderwege zu beobachten und bieten spektakuläre Fotomotive. Der See selbst bietet im Sommer Lebensraum für Libellen, Wasserfrösche und zahlreiche Vogelarten, die sich an die kurze Vegetationsperiode angepasst haben.
Für Naturbegeisterte und Fotografen ist die Region ein wahres Paradies. Die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt lässt sich bei Wanderungen hautnah erkunden. Der Nationalpark Berchtesgaden bietet zudem geführte Touren an, bei denen Ranger ihr Wissen über das einzigartige Ökosystem teilen. Der Funtensee zeigt sich als perfekter Ort, um die Schönheit und Anpassungsfähigkeit der alpinen Natur zu erleben.
Wanderung zum Funtensee: Durch die Saugasse ins Steinerne Meer
Die Wanderung zum Funtensee ist nicht nur eine sportliche Herausforderung, sondern auch ein Abenteuer durch die beeindruckende Naturlandschaft der Berchtesgadener Alpen. Der Weg beginnt am idyllischen Königssee, den Besucher mit Elektrobooten von Schönau nach St. Bartholomä überqueren. Von dort führt der Pfad durch die berüchtigte "Saugasse" – eine steile Passage mit 36 Kehren, die einen Höhenunterschied von 400 Metern überwindet. Der Aufstieg durch diese Schlüsselstelle führt direkt ins Steinerne Meer, wo der Funtensee wie ein verborgenes Juwel liegt.
Nach der anstrengenden Saugasse öffnet sich das Hochplateau des Steinernen Meeres, wo der Funtensee von imposanten Felswänden eingerahmt ist. Das Kärlingerhaus bietet eine ideale Einkehrmöglichkeit, bevor Wanderer die alpine Atmosphäre genießen und ihre Kräfte sammeln. Die Hütte ist witterungsabhängig ab Ende Mai geöffnet, in den Wintermonaten steht ein Winterraum zur Verfügung. Schönau am Königssee zählt zu den beliebtesten Wanderzielen Deutschlands und bietet neben dem Funtensee zahlreiche weitere spektakuläre Touren.
Im Sommer verwandelt sich der "Kältepol" in ein beliebtes Badeziel – mutige Wanderer können im kristallklaren, aber eiskalten Wasser schwimmen. Eine weitere Besonderheit: In einer der Hütten am See wird der Funtensee-Enzian gebrannt, ein traditioneller Schnaps aus den Wurzeln des Gelben Enzians. Der Rückweg führt entweder über die gleiche Route oder über alternative Pfade, die ebenfalls spektakuläre Ausblicke bieten. Die Wanderung zum Funtensee gehört zu den beliebtesten und schönsten Wanderwegen in Bayern, die Naturliebhaber und Bergbegeisterte in den Nationalpark Berchtesgaden ziehen.
Die kältesten Orte Deutschlands: Top 10
Deutschland mag nicht für extreme Kälte berühmt sein, doch einige Regionen überraschen mit außergewöhnlichen Tiefsttemperaturen. Insbesondere abgeschiedene Täler, Bergregionen und Senken bieten ideale Bedingungen für rekordverdächtige Werte. Orte wie der Funtensee in Bayern oder Wolnzach-Hüll gehören zu den bekanntesten Kältepolen des Landes. Hier sammeln sich Kaltluftmassen, begünstigt durch besondere geografische Gegebenheiten wie Muldenlagen oder hohe Schneedecken.
Dank der Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes und privater Wetterstationen ist eine Liste der kältesten Orte Deutschlands entstanden. Die Rekorde reichen von alpinen Regionen bis hin zu Orten in den Mittelgebirgen, die regelmäßig Temperaturen weit unter null verzeichnen. Hier sind die Top 10 der kältesten jemals gemessenen Orte in Deutschland:
- Funtensee, Bayern: -45,9 Grad Celsius (24. Dezember 2001, private Wetterstation)
- Wolnzach-Hüll, Bayern: -37,8 Grad Celsius (12. Februar 1929, offizieller DWD-Rekord)
- Kühnhaide, Sachsen: -35,5 Grad Celsius (1. Februar 1956)
- Wasserburg am Inn, Bayern: -35,1 Grad Celsius (10. Februar 1956)
- München, Bayern: -31,6 Grad Celsius (12. Februar 1929)
- Wahnsdorf bei Dresden, Sachsen: -30,5 Grad Celsius (12. Februar 1929)
- Oberharz am Brocken-Stiege, Sachsen-Anhalt: -30,2 Grad Celsius (Januar 2010)
- Marienberg, Sachsen: -26,0 Grad Celsius (Januar 1963)
- Anklam, Mecklenburg-Vorpommern: -20,7 Grad Celsius (Februar 2021)
- Sagard, Rügen, Mecklenburg-Vorpommern: -16,5 Grad Celsius (Januar 2021)
Hinweis: Diese Liste basiert auf historischen Messungen des Deutschen Wetterdienstes und privater Wetterstationen. Stand: April 2026. sl/mit dpa