Das war ein echter Paukenschlag beim Starkbierfest in München: Die relativ junge Giesinger Bräu will ihr Bier auf dem Oktoberfest ausschenken - und die dafür notwendige Zulassung per Bürgerbegehren erzwingen. Das wäre eine echte Revolution, denn der exklusive Kreis der Wiesn-Brauereien ist seit Jahrzehnten geschlossen.

Nur sechs Traditionsbrauereien dürfen aktuell ihr Bier auf der Wiesn ausschenken, damit die Giesinger Bräu als siebte Marke dazustoßen kann, würden zwischen 30.000 und 40.000 Unterschriften benötigt. 

München: Giesinger Bräu will auf die Wiesn - zwischen 30.000 und 40.000 Stimmen erforderlich

Die Münchner Brauerei Giesinger Bräu will 2027 auf das Oktoberfest und hat dafür ein Bürgerbegehren gestartet. Brauereichef Steffen Marx verkündete den Schritt bei der Eröffnung seines Starkbierfestes am Donnerstag, 19. Februar. Ziel sei es, einen Bürgerentscheid über die Zulassung der Brauerei zum Münchner Oktoberfest zu erzwingen. "Wir sind eine Münchner Brauerei - mit eigenem Tiefbrunnen, mit dem Siegel 'Münchner Bier' und mit klarer Verwurzelung in dieser Stadt", betont Brauereigründer Marx. "Wenn auf der Wiesn ausschließlich Münchner Bier ausgeschenkt wird, dann sollte die Frage erlaubt sein, warum eine Münchner Brauerei dort nicht vertreten sein darf. Genau darüber sollen die Bürgerinnen und Bürger entscheiden."

Für das Bürgerbegehren werden zwischen 30.000 und 40.000 Stimmen benötigt, sagte der Brauereichef bei der Eröffnung seines Starkbierfestes. "Ich denke, das sollten wir hinbekommen", zeigte sich Marx zuversichtlich. Die Entscheidung für das Bürgerbegehren sei nach "Signalen aus der Politik" und "dem einen oder anderen Tipp" gefallen. Demnach müsse die Stadt "was in der Hand haben, womit sie arbeiten kann". Die Änderung der Betriebsvorschriften und damit die Zulassung einer siebten Brauerei als Lieferant für das Oktoberfest sieht Marx allerdings nur als "ersten Schritt".

Die Frage beim Bürgerentscheid lautet nach Angaben der Brauerei: "Bist Du dafür, dass die Landeshauptstadt München ab 2027 auch den Ausschank von Bier der Brauerei Giesinger Bräu auf dem Münchner Oktoberfest erlaubt?" Die Gretchenfrage ließ Marx an die Wand projizieren - zum Ankreuzen mit Ja oder Nein. Marx setzt in dieser Sache schon seit geraumer Zeit auf Angriff. Seit einigen Jahren darf seine Brauerei ihr Produkt dank eines Tiefbrunnens in der bayerischen Landeshauptstadt Münchner Bier nennen - als siebte Marke. Seither will Giesinger auch ein Stück abhaben vom großen Wiesn-Kuchen. Die Privatbrauerei wurde 2006 in Giesing gegründet und produziert heute rund 50.000 Hektoliter jährlich.

Giesinger wäre siebte Wiesn-Brauerei

Gelingt das Bürgerbegehren, würde Giesinger Bräu als siebte Brauerei auf dem Oktoberfest Geschichte schreiben. Jahrzehntelang blieb der Kreis der zugelassenen Brauereien geschlossen. Nur sechs Münchner Traditionsbrauereien dürfen ihr Bier auf der Wiesn ausschenken. Diese exklusive Regelung ist in den Betriebsvorschriften für das Oktoberfest festgeschrieben und gilt als wichtiger Bestandteil der Münchner Tradition.

Das Oktoberfest wurde am 17. Oktober 1810 erstmals gefeiert, Anlass war die Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig von Bayern mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen am 12. Oktober 1810. Die mehrtägigen Feierlichkeiten wurden mit einem großen Pferderennen auf einer Wiese vor den Toren Münchens gekrönt, die zu Ehren der Braut den Namen „Theresienwiese" erhielt. Etwa 40.000 Zuschauer sollen bei dem ersten Fest anwesend gewesen sein. 

In den Anfangsjahren spielte Bier auf dem Oktoberfest noch eine untergeordnete Rolle. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Wiesn zu einem Bierfest. Zunächst belieferten auch Brauer von außerhalb Münchens, insbesondere aus Bad Tölz, die Wiesnwirte. Im Jahr 1825 erließ der Magistrat der Stadt gemäß offizieller Oktoberfest-Homepage eine Verordnung, wonach nur noch 18 Bierwirte aus München zugelassen waren. Der Festplatz war damals geprägt durch die kreisförmige Anordnung von 18 gezimmerten Bierbuden.

Die sechs etablierten Oktoberfest-Brauereien im Überblick

Dass sich die Zahl der Brauereien auf dem Oktoberfest im Lauf der Jahrezehnte reduziert hat, liegt vor allem an Fusionen und Zusammenschlüssen. Prominentes Beispiel ist die Vereinigung von Hacker und Pschorr, die ursprünglich getrennte Brauereien waren, von den Söhnen der Gründer getrennt weitergeführt wurden und erst 1972 wieder zu einer gemeinsamen Marke zusammengeschlossen wurden. Zudem wurden im Laufe der Zeit die Zulassungskriterien verschärft: Nur Bier aus Münchner Brauereien, das die spezifischen Anforderungen erfüllt, darf auf dem Oktoberfest ausgeschenkt werden, erklärt der Verein Münchener Brauereien. Seit vielen Jahrzehnten - die Quellen sprechen von "Ewigkeiten" - sind auf dem Oktoberfest nur noch folgende sechs Brauereien zugelassen.

  • Augustiner Bräu München - Als älteste Brauerei der bayerischen Landeshauptstadt blickt Augustiner auf eine bewegte Geschichte zurück. Augustinermönche gründeten sie bereits 1328. Eine Besonderheit hebt die Traditionsbrauerei bis heute von allen anderen ab: Als einzige schenkt sie ihr Oktoberfestbier noch aus Holzfässern aus. Auf der Wiesn versorgt Augustiner die Fischer-Vroni und die Augustiner-Festhalle. Anders als die Konkurrenz befindet sich die Brauerei noch immer in Familienbesitz.
  • Hacker-Pschorr Brauerei - Die Wurzeln dieser Traditionsmarke reichen bis ins Jahr 1417 zurück. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Brauerei unter dem Ehepaar Joseph Pschorr und Maria Theresia Hacker zu Münchens führendem Bierproduzenten. Die Söhne trennten die beiden Brauereien Hacker und Pschorr, die erst 1972 wieder zusammengeführt wurden. Heute gehört Hacker-Pschorr zur Paulaner-Gruppe. Auf dem Oktoberfest beliefert die Brauerei die Bräurosl und das Pschorr-Bräurosl.
  • Hofbräu München - Herzog Wilhelm V. von Bayern gründete das Staatliche Hofbräuhaus im Jahr 1589. Als einzige der sechs Brauereien befindet sich das Hofbräu in staatlichem Besitz des Freistaats Bayern. Die Brauerei versorgt auf der Wiesn das weltbekannte Hofbräu-Festzelt. Es zählt zu den größten und internationalsten Zelten des Oktoberfests.
  • Löwenbräu - Bereits 1524 wurde diese Brauerei gegründet. Den Namen Löwenbräu erhielt sie erstmals 1746. Ursprünglich hinter der Frauenkirche in der Löwengrube angesiedelt, zog die Brauerei später an die Nymphenburger Straße. Heute gehört Löwenbräu zum internationalen Anheuser-Busch InBev-Konzern. Auf dem Oktoberfest beliefert die Marke das Löwenbräu-Festzelt sowie die Schützenfesthalle. Unverwechselbar ist der riesige brüllende Löwe vor dem Festzelt.
  • Paulaner Brauerei - Paulanermönche legten 1634 den Grundstein für diese traditionsreiche Brauerei. Heute zählt Paulaner zu den größten Münchner Brauereibetrieben. Einen besonderen Rekord hält die Brauerei auf dem Oktoberfest: Sie beliefert die meisten Festzelte. Neben dem Paulaner-Festzelt zählen dazu das Promi-Zelt Käfer-Wiesnschänke, das Armbrustschützenzelt sowie das Winzerer Fähndl. Gemeinsam mit Hacker-Pschorr produziert Paulaner etwa 2,5 Millionen Hektoliter jährlich.
  • Spaten-Franziskaner-Bräu - Mit der Gründung im Jahr 1397 gehört die Spatenbrauerei zu den ältesten Münchner Brauereibetrieben. Der Name Spaten geht auf die Familie Spathe zurück, welche die Brauerei im 18. Jahrhundert übernahm. Heute ist Spaten Teil des Anheuser-Busch InBev-Konzerns. Auf dem Oktoberfest versorgt die Brauerei die Schottenhamel-Festhalle, wo traditionell der Münchner Oberbürgermeister das erste Fass ansticht, sowie das Ochsenbraterei-Zelt.

Der exakte Zeitpunkt, seit wann genau dieser Kreis von sechs Brauereien besteht, lässt sich aus den verfügbaren Quellen nicht präzise datieren. Die Fusion von Hacker und Pschorr 1972 deutet jedoch darauf hin, dass die heutige Konstellation spätestens seit den frühen 1970er Jahren etabliert ist.

Strenge Vorgaben: Was "Wiesn-Bier" von normalem Bier unterscheidet

Diese sechs großen Münchner Traditionsbrauereien brauen das Oktoberfestbier eigens für das Fest. Dabei gelten strenge Vorgaben, weshalb das Oktoberfestbier, auch Wiesnbier genannt, sich in mehreren wesentlichen Punkten von normalem Bier unterscheidet. Zum einen muss das Festbier eine Stammwürze (Anteil der aus dem Malz gelösten Inhaltsstoffe, vereinfacht: Maßeinheit für den Zuckergehalt des Biers) von mindestens 13,5 Prozent aufweisen. Normale helle Biersorten enthalten hingegen nur 11 bis 13 Prozent Stammwürze. Der erhöhte Anteil an Stammwürze macht sich auch beim Alkoholgehalt bemerkbar: Oktoberfestbier hat in der Regel zwischen 5,8 und 6,3 Volumenprozent Alkohol, während normales Lagerbier meist weniger aufweist.

Das stärkste Oktoberfestbier mit einem Alkoholgehalt von 6,3 Prozent wird im Zelt der Hofbräu ausgeschenkt, während Hacker-Pschorr mit 5,8 Prozent den niedrigsten Alkoholgehalt aufweist. Das untergärige Festbier enthält mehr Gerstenmalz als anderes Bier und schmeckt deshalb etwas süßer und gehaltvoller als gewöhnliches Bier. 

Das Bier muss zudem innerhalb der Stadtgrenzen Münchens gebraut werden. Nur die besagten sechs Münchner Traditionsbrauereien dürfen ihr Bier als "Oktoberfestbier" bezeichnen und auf dem Oktoberfest ausschenken. 

Stadtratsbeschluss als Voraussetzung - Politische Präsenz beim Starkbierfest

Damit eine weitere Brauerei auf dem Oktoberfest zugelassen werden darf, ist ein entsprechender Stadtratsbeschluss nötig. In den Betriebsvorschriften für die Wiesn heißt es unter Paragraf 51: "Das Oktoberfest ist das traditionelle Münchner Volksfest mit Münchner Gastlichkeit und Münchner Bier. Diese Tradition gilt es weiter zu wahren. An Wiesnbesucher darf deshalb nur Münchner Bier der leistungsfähigen und bewährten Münchner Traditionsbrauereien, das dem Münchner Reinheitsgebot von 1487 und dem Deutschen Reinheitsgebot von 1906 entspricht, ausgeschenkt werden."

Der frühere Münchner Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef sowie aktuelle CSU-Bürgermeisterkandidat Clemens Baumgärtner galt stets als Kritiker eines weiteren Bieres auf der Wiesn. Inzwischen scheint sich seine Meinung geändert zu haben. Heuer war sogar er es, der das erste Fass beim Giesinger-Starkbierfest anstach und ankündigte: "Schauen wir mal, dass wir's vielleicht mit den Schwarzen hinkriegen."

Bei den bayerischen Kommunalwahlen am Sonntag, 8. März, wird der Münchner Stadtrat neu gewählt. Die OB-Kandidaten der amtierenden Koalition, Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) und Grünen-Kandidat Dominik Krause, waren zwar als Gäste beim Starkbierfest in Giesing angekündigt, schickten zum Anstich aber jeweils Vertreter. Anwesend waren neben Baumgärtner auch Grünen-Politiker Sebastian Weisenburger und SPD-Mann Lars Mentrup, wie die Abendzeitung München schreibt, im Beisein derer Brauerei-Chef Steffen Marx seine "Bombe platzen" ließ.

Zuletzt hatte die Diskussion um einen Eintrittspreis für das Oktoberfest an Fahrt gewonnen: Laut einer aktuellen Umfrage befürworten 45 Prozent der Befragten die Einführung einer Eintrittsgebühr für das weltbekannte Volksfest in München. Die Befürworter erhoffen sich durch diese Maßnahme eine bessere Kontrolle der Besucherströme und eine Finanzierung von Sicherheitsmaßnahmen. Im Vorjahr sorgten die Preise auf dem weltgrößten Volksfest für Aufsehen: Das teuerste Gericht kostet erstmals über 400 Euro und markiert damit einen neuen Preisrekord in der Geschichte der Wiesn. Auch die klassische Wiesn-Küche wird teurer – ein halbes Hendl in Bio-Qualität kostet im Paulaner Festzelt 24,50 Euro, was einem Preisanstieg von fast 20 Prozent gegenüber den Vorjahren entspricht. sl/mit dpa