Seit vielen Jahren sorgen die schwachen Leistungen von deutschen Schülern bei Vergleichsstudien wie Pisa für Diskussionen. Eine viel zu langsame Digitalisierung der Schulen wurde dabei lange als ein Problem identifiziert. Mittlerweile investiert Deutschland Milliarden in die Ausstattung der Klassenzimmer mit Computern und Tablets - doch die Stimmung ändert sich.
Denn die Nutzung von digitalen Angeboten durch Kinder und Jugendliche steht zunehmend in der Kritik. Langjährige Kritiker des digitalen Klassenzimmers sehen sich immer mehr bestätigt. In mehreren Ländern wird ein Verbot von sozialen Netzwerken für Kinder und Jugendliche diskutiert, nachdem Australien vor wenigen Wochen bei dem Thema vorgeprescht ist und auch Frankreich einen ähnlichen Gesetzesvorschlag erarbeitet hat. Auch in Deutschland gibt es eine Diskussion darüber, ob der Zugang zu sozialen Medien für Kinder eingeschränkt werden sollte.
Pädagoge sieht Schul-Digitalpakt in der "Concorde-Falle"
Der Augsburger Bildungsforscher Klaus Zierer warnt schon lange vor dem "Tablet-Wahn" im Klassenzimmer und fordert nun Konsequenzen in Deutschland. Er hält ein Aussetzen des sogenannten Digitalpakts 2.0, bei dem Bund und Länder Milliarden in die Technik der Schulen investieren, für sinnvoll. Zierer sieht die Bildungspolitik in der "Concorde-Falle". Der Begriff spielt auf das Überschall-Passagierflugzeug an, das einst in Betrieb genommen wurde, obwohl frühzeitig klar war, dass das Projekt ein wirtschaftlicher Misserfolg werden würde.
Es sei ein Denkfehler, wenn an einer Maßnahme festgehalten werde, weil bereits viel investiert wurde, obwohl ein Abbruch rational vorteilhafter wäre, zieht Zierer den Vergleich von der Concorde zum Digitalpakt. Die bisherigen Maßnahmen betrachtet der Ordinarius für Schulpädagogik der Universität Augsburg als schädlich, denn dennoch seien die Lernleistungen der Kinder gesunken und psychosomatische Erkrankungen hätten zugenommen.
In diesem Zusammenhang sieht er auch das bayerische Digitalisierungsprojekt "Digitale Schule der Zukunft" zur Förderung von Endgeräten kritisch. Die Abkürzung DSDZ könnte künftig eher für "Dumme Schüler durch Zwangsdigitalisierung" stehen, befürchtet Zierer.
Internationale Diskussion um Social-Media-Verbote für Schüler
Der Bildungsforscher fühlt sich durch aktuelle internationale Entwicklungen bestätigt. Nachdem in Australien im Dezember ein entsprechendes Gesetz verabschiedet worden war, sind dort Millionen Social-Media-Accounts von Kindern und Jugendlichen deaktiviert worden.
Zwischenzeitlich hat auch das britische Oberhaus ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren gefordert. Ob das Unterhaus in London der Gesetzesänderung zustimmt, ist aber noch unklar. In Frankreich hat die Nationalversammlung ein Verbot sozialer Netzwerke bis zum Alter von 14 Jahren votiert.
"Je mehr die Bildschirmzeit ansteigt, desto mehr fallen die Bildungsleistungen ab", sagte Staatschef Emmanuel Macron, der zudem wie Zierer auf Probleme bei der mentalen Gesundheit der Schülerinnen und Schüler hinweist. Das Nutzungsverbot muss noch im Senat bestätigt werden, der anderen französischen Parlamentskammer. Auch in Dänemark sollen Social-Media-Beschränkungen eingeführt werden.
Befürworter der Schul-Digitalisierung verweisen auf Chancen
Bayerns Unterrichtsministerium verweist darauf, dass Schüler effektiver lernen und ihre Medienkompetenz verbessern könnten, wenn sie digitale Medien und Werkzeuge aktiv und zur Zusammenarbeit nutzen. Wenn alle über entsprechende Endgeräte verfügten, "können digital gestützte Lernformate in schulischen Unterrichtsräumen ebenso umgesetzt werden wie beim Lernen zu Hause und an außerschulischen Lernorten", betont das Ministerium. Die Kinder könnten die Geräte auch sehr kurzfristig beispielsweise für eine Informationsrecherche nutzen.
Selbst Kritiker Zierer sieht grundsätzlich die Möglichkeit, dass Technik in der Schule sinnvoll eingesetzt werden kann. Er verweist jedoch darauf, dass es in erster Linie um die Kompetenz des Lehrpersonals gehe. Zierer ist überzeugt: "Ein schlechter Unterricht wird durch digitale Medien eher schlechter, nur ein guter Unterricht kann durch den sinnvollen Einsatz digitaler Medien noch besser werden."
Unsere nördlichen Nachbarn in Dänemark oder Schweden wurden lange betrachtet als die Digital-Pioniere im Bildungswesen, die uns Jahre voraus seien. Doch mittlerweile sei die "Digitalisierungseuphorie" im Schulbereich in beiden Ländern durch wissenschaftliche Veröffentlichungen gebremst worden, berichtet Erziehungswissenschaftlerin Sieglinde Jornitz in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung.
Handyverbote für alle - auch für die Lehrkräfte
Beispielsweise werde in den Ländern jetzt auch auf das Ablenkungspotenzial der Technik verwiesen. In Schweden werde als eine Gegenmaßnahme diskutiert, den Unterricht wieder auf den Wissenserwerb über gedruckte Bücher und das Fachwissen der Lehrkräfte auszurichten. In Dänemark würden Maßnahmen wie die handyfreie Schule und das Sperren bestimmter Webseiten geprüft.
Jornitz betont ebenfalls, dass bei dem Thema didaktische Ansätze wieder ins Zentrum der Diskussion gestellt werden sollten. "Nicht allein der Einsatz von digitalen Lernmitteln ist entscheidend, sondern die Frage was und wie über sie und mit ihnen vermittelt wird", sagt die Wissenschaftlerin vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt am Main.
Landauf, landab wird darüber diskutiert, ob es für die Kinder an den Schulen ein Smartphone-Verbot geben soll. In Bayern gibt es bereits ein Handy-Verbot für alle Grundschüler - eine Ausweitung auf weitere Klassenstufen wird geprüft. Schulpädagoge Zierer begrüßt solche Initiativen. Er spricht sich für ein vollständiges Smartphone-Verbot an allen Schulen aus. Von der Grundschule bis zum Gymnasium sollten auch die Lehrerinnen und Lehrer auf ihre Handys verzichten müssen, betont er.
Fokus auf Unterrichtsqualität statt Digitalisierung des Klassenzimmers
Der Augsburger Bildungswissenschaftler arbeitet seit Jahren mit dem neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie zusammen, dessen Studie "Visible Learning" weltweit von Pädagogen beachtet wird. Laut Zierer sind für die Langzeituntersuchung mittlerweile rund 200.000 Primärstudien zusammengefasst und die Lernergebnisse von etwa 400 Millionen Schülern ausgewertet worden.
Zierer sagt, die Bildungsforschung lege zwei Schlussfolgerungen nahe: Erstens sollte der außerschulische Bereich reguliert werden, um Kinder und Jugendliche zu schützen und Familien zu unterstützen. Zweitens müsse der Fokus in den Schulen wieder verstärkt auf die Unterrichtsqualität gelenkt werden: "Die bloße Anhäufung von immer mehr Technik macht die Schulen nicht besser."
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